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Salbitschijen Super Südgrat

Der Wecker klingelt um 2:30Uhr, du weisst gar nicht, was mit dir geschieht. Diese Uhrzeit ist schlichtweg nicht zum Aufstehen gemacht, doch jammern hilft nicht, schliesslich haben wir uns gestern Abend selber dafür entschieden: Den Salbitschijen Supersüdgrat als Tagestour!

 

Wie so oft, jeder Handgriff geht automatisch, der Autopilot ist beim Fahrer eingestellt. Auch der Aufstieg zur Salbithütte im Dunkeln, alles automatisiert, ein Schritt vor den nächsten, die unzähligen Stufen werden schlaftrunken überwunden. Erst als das erste Tageslicht hereinbricht, wachen auch wir aus unserem benebelten Dilirium auf.

 

Düstere Wolken bedecken den Himmel, dicke Nebelschwaden umweben die Gipfel, nur ab und an lugen die Türme des Salbit aus ihnen heraus. An der Hütte ein kurzer Stopp, Müsliriegel frühstücken, Trinken, ein kurzer Ratsch mit dem Hüttenteam. Wir erfahren, dass bereits drei Seilschaften unterwegs sind, eine weitere steht in den Startlöchern direkt hinter uns.

 

Ich kenne den Weg und den Einstieg noch aus dem Jahre 2006, damals war ich mit unserem argentinischen Freund Alex drei Tage im Gebiet. Der imposante Südgrat schien uns damals zu zackig und mächtig als dass er hätte der Südgrat sein können, wir glaubten auf den Westgrat zu schauen und stiegen deshalb in den Ostgrat ein, im Glauben im Südgrat zu sein. Dass das Topo dann natürlich hinten und vorne mit dem vorgefundenen Gelände nicht übereinstimmte, versteht sich von selbst. Als uns der Hüttenwirt ab Abend fragte, ob wir die Seilschaft vom Ostgrat gesehen hätten, verneinten wir, erst viel später checkten wir den wahren Umstand. So dann kletterten wir die Mocca am Gemsplanggen am folgenden Rasttag um am darauffolgenden nochmals den richtigen Südgrat anzugehen...Peinlich, peinlich...

 

Jetzt bin ich wieder hier, sieben Jahre später, mit wesentlich mehr Erfahrung und Können.

 

Wir klettern genüsslich die vier Seillängen der Takala, Reibungskletterei mit würzigen Passagen. Danach folgt der Südgrat, wo wir gleich zu Anfang auf dem ersten Turm eine Seilschaft überholen. Wir erfahren vom Vorsteiger, dass er bereits vor 20 Jahren im Gebiet die grossen Touren geklettert ist. Jetzt steht er zu seinem Bedauern nicht mehr im Saft, aber den Südgrat kann er mit seiner Partnerin immer noch geniessen, in der Ruhe liegt die Kraft...

 

Nach dem ersten Abseilmanöver warten die Prachtlängen der Tour, an der Kante entlang, mit vielen Schuppen garniert, fester, tadelloser Aaregranit. Einfach fantastisch, wir kommen aus dem Schwärmen nicht mehr heraus. Und schon stehen wir bei der nächsten Seilschaft, ein Stubaier Bergführer mit seinen zwei oberösterreichischen Gästen. Sie lassen uns ebenfalls passieren, denn die Schlüsselseillänge der Tour wartet. Ein grausiger Kantenswing. Irgendwie muss man um die abdrängende Kante herum, ein Reibungstritt, rechts nichts Gescheites zum Greifen und dazu noch in die falsche Belastungsrichtung. Danach warten auch noch ein paar kraftige Moves, bevor es wieder gemütlicher zum folgenden Standplatz geht.

 

Eine Nadel wir links umklettert, der folgende Aufschwung leicht rechts erklettert. Leider lasse ich mich von den vielen Normalhaken auf der linken Seite verleiten. Und prompt in den Verhauer hinein. Ein Blick ins Topo hätte dies Missgeschick vermieden, so rette ich mich mit den alten rostigen NH und einem kühnen steilen Finish über die Kante zum Stand oben auf dem Plattenturm. Wieder ist abseilen angesagt, bevor der letzte Aufschwung, der Zwillingsturm, erreicht ist. Von diesem seilen wir abermals ab und schreiten die wenigen Meter hinüber unter die Gipfelsüdwand. 

 

Nachem wir beide schon recht erschöpft sind und einen weiteren Abseiler vermeiden möchten, verzichten wir auf die direkte Südwand und steigen in "das Buch" ein, welches in vier Seillängen bis zur Gipfelnadel führt. Der Einstieg ist mit vielen Bohrhaken gut gesichert, doch dann wird der Fels etwas unzuverlässiger und wo es schwierig wird, die Abstände weiter. Diese Ausstiegsvariante wird sicherlich nicht so häufig beklettert, viele Flechten bedecken den Fels. 

 

Nach zwei mässigen Seillängen folgt das Herzstück der Tour, eine lange Verschneidung mit Kamincharakter bis zum Ausstieg. Als Rampftelspezialist bin ich nun gefordert. Anfangs noch recht einfach, entpuppt sich die 5c Seillänge als ziemlicher Aussauger. Ich stehe auf einem kleinen Podest und halte Ausschau nach dem nächsten Haken. Nix. Links zieht eine fantastische Hangelschuppe empor, die sich in einem Wulst mit anschliessendem breiten Riss verliert. Rechts eine unzuverlässige Schuppenplatte. Mittig ein steiler Kamin. Aber weit und breit kein Sicherungspunkt, dabei stehe ich bereits ein Stück über dem letzten Bolt.

 

Mein erster Ansetzter im Kamin verläuft nicht erfolgsversprechend, ich kann nichts legen und so einfach schauts dann doch nicht aus, also wieder zurück. Nummer zwei, die Schuppe rechts. Und wie so oft, mal wieder nicht das passende Material dabei. Für den ganzen Südgrat inklusive Takala hatten wir nichts gebraucht, ausgerechnet jetzt würde ein Keil gute Dienste Leisten. Also Mut sammeln und drüber Hangeln, Füsse stehen im Flechtennichts, die Arme pumpts gewaltig. Am Ende dann über dem Wulst, ein Bohrhaken, na super...

 

Wieder hätte ein Blick ins Topo den Weg gezeigt, ich aber folge dem Riss, der  nach rechts mir den Weiterweg andeutet. Schliesslich erreiche ich den Kamin und kämpfe mich über den letzten Aufschwung. Das Seil spannt, wo bitte ist der nächste Stand? Ich erspähe zwei Bohrhaken in der Verschneidung und setze meinen Weg fort, wohlwissend, dass Harald mittlerweile am Nachsteigen ist. Nach guten 60-65m erreiche ich den Stand unter der Gipfelnadel. Wir habens geschafft! Als Harlald mich erreicht sind gut 10h und 30min nach unserem Aufbruch am Auto vergangen!

 

Dass der Abstieg mühsam war, sich zog, da der Firn zum Hinunterrutschen fehlte, die Fruchtwähe auf der Hütte und ein kühles grosses Bier Wunder wirkten und die letzten Meter hinunter zum Parkplatz mehr Müdigkeitstorkeln als Wandern war, brauch ich wohl nicht mehr gross zu erwähnen. Nach bald 15h erreichen wir wohlbehalten, hundsmüde, aber überglücklich unser Auto. Der Supersüdgrat als Tagestour, eine Gewaltstour für uns, aber unendlich schön und vorallem sauber geklettert!

 

 

 

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Kommentare: 1
  • #1

    W. Müller (Sonntag, 27 Dezember 2015 21:56)

    Die Takala hat mehr als 4 Seillängen!

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Patricia Neuhauser

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