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Trailrunning La Palma

Damit hatte ich nicht gerechnet, dass mich gleich ab dem ersten Tag Blasen auf den Zehen durch den Trailrunningurlaub begleiten würden. Aber gut, man lernt halt immer dazu. Und anscheinend ist der X-Talon, mein Lieblings-Laufschuh, nicht für längere Distanzen in Kombination mit Wärme, Sand und Untrainiertheit (ich bin seit November nur am Skitourengehen) für meine Füsse gemacht. Jedenfalls hinterliess der Auftaktrun am späten Nachmittag hoch über Jedey an unserem Anreisetag seine ersten Spuren.

 

Simon, Harry und ich haben Grosses vor. Den GR131, über den auch der Transvulcania verläuft, in 3 Etappen zu meistern und 2 weitere Tage laufenderweise die Insel zu erkunden. Mit unserem reichlich überdimensionierten Ferienhaus in Todoque, mit Pool und Meerblick und allem was dazu gehört, war für Entspannung nach den Trailtagen gesorgt. Dass über Mittag fast täglich Wolken aufziehen und sich eine Nebeldecke auf einer gewissen Höhenlage breit macht, durften wir sogleich am Anreisetag spüren. Von wegen Poolparty, wir sitzen im Nebel. Also raus aus dem Ferienhaus, rein in den Mietwagen und irgendwohin, wo die Sonne scheint. Ok, die Tageszeit war schon reichlich fortgeschritten, unser Radius eingeschränkt, wollten wir nicht im Dunkeln enden. Somit begnügten wir uns mit einem schönen Wanderweg, der in Jedey startet und hinauf zu den Vulkanen führt. Das La Palma-Lauffeeling beginnt sogleich auf den ersten Laufmetern. Lange Kiefernadeln liegen auf dem Wanderweg, trockener Boden, mit Steinchen gesäumte Borden, um Wanderwege abzugrenzen und zu verdeutlichen. Die Luft ist schwül und feucht, wir stecken im Nebel. Doch es macht Spass, auch ohne Aussicht und völlig unwissend drauflos zu rennen, ein kurzer Blick in die Karte genügt. Dass wir uns dann fast verkoffern, weil Simons Handy mit der offline Karte darauf, einen gröberen Fall auf den Boden nicht übersteht, und dass wir nur knapp der Dehydrierung entgehen, haben wir unserem Übermut zu verdanken. Das Abenteuer La Palma kann beginnen...

 

Vom tiefsten zum Höchsten Punkt der Insel

 

Der Roque de los Muchachos ist der höchste Punkt der Insel, Teleskope der "Sterngucker" ziieren den Gipfelbereich, die sich die trockene und mit wenig Licht verschmutzte Luft zu nutzen machen. Bequem mit dem Auto erreichbar bietet dieser Aussichtspunkt ein attraktives Ziel auch für Nichtwanderer, wenn sie denn die lange Anfahrt über die kurvenreichen Bergstrassen nicht scheuen. Eine Etappe des GR131 entspringt unten am Beach von Puerto Tazacorte und führt über den Aussichtspunkt El Time immer an der Kante entlang bis zu besagtem Roque de los Muchachos. 18km und 2600Hm sind dabei zu überwinden, als eine Tortur könnte man dieses Vorhaben bezeichnen. Klar muss dieses Ding gleich am Anfang der Ferien niedergemetzelt werden. Harald und ich setzen uns dann auch noch in den Kopf, die Strecke komplett, ohne einen einzigen Abschnitt zu gehen, zu rennen. Was am Ende mich fast den Kopf kostet, so sehr muss ich auf die Zähne beissen und meine Grenzen antasten. Der Sturm bläst, es hat 4 Grad Celsius, null Sicht. Wir sind so weit im Süden und trotzdem erinnert mich dieser Lauf an eine härtere Aktion in den Alpen. Immer wieder bleibe ich für einen Moment stehen, atme durch, die Luft ist irgendwie verdammt trocken und dünn. Sammle mich, reisse mich am Riemen und setze einen Schritt vor den nächsten. Die Blasen drücken, die Muskeln erschöpft, mehr als 1700Hm am Stück bin ich noch nie gejoggt, und jetzt 2600? Ich spinne!

Doch einmal mehr bringt mich mein Kopf weiter als es der Verstand zulässt. Wir Drei stehen oben am Parkplatz des Roque, schlagen in die Hände ein. Keine Aussicht, keine Belohnung für die Strapazen. Wir sprechen den nächstbesten Touristen an, ob er uns mit seinem Auto mit nach unten nehmen würde. Der Erste, Fehlanzeige, der Zweite auch, beim Dritten haben wir Glück, ein deutsches Ehepaar (bereits nach den ersten zwei Tagen haben wir den Eindruck, dass die Insel nur von Deutschen besucht wird) hat Erbarmen mit uns und nimmt uns ein Stück weit bis zur nächsten Weggabelung mit, dann trennen sich unsere Wege und wieder ist Autostoppen angesagt. Wir haben Glück, ein weiteres deutsches Paar hat genau Puerto Tazacorte im Visier, Volltreffer!

 

In der Caldera

Ein Nationalpark. Den müssen wir uns anschauen. Ausserdem suchen wir für den heutigen Tag einen Lauf, der kilometer- und höhenmetermässig weniger zu Buche schreibt. Da für den Nationalpark eigene Besucherregelungen und Parkplatzreservierungen existieren, entscheiden wir uns für die unkomplizierteste Variante und fahren hinter Los Llanos in den Park hinein, wo wir keine Reservation benötigen. Mit einem Taxishuttle könnte man hinauf nach Los Brecitos fahren, dieser Abschnitt ist nämlich mittlerweile für den normalen PKW-Fahrer gesperrt (aus gutem Grund, es gibt nur wenig Ausweichen und bei viel Andrang....), wir aber entscheiden uns die 20km Runde in umgekehrter Richtung anzugehen und laufen über lose Steine dem Bachbett entlang hinein in die Caldera. Der Barranco de las Angustias macht richtig Spass zu rennen, nur die Markierungen und Abzweigungen nicht zu verpassen bei dem Speed, stellt durchaus eine Herausforderung dar. Es ist heiss, zum Glück können wir am Zeltplatz (Playa de Taburiente) mitten in den Caldera am Fluss Wasser nachfassen. Auch ein schöner Ort um die Füsse abzukühlen und die Seele baumeln zu lassen. 

 

Die Szenerie ist beeindruckend. Die umgebenden Flanken sind sowas von zerfurcht und zerklüftet, da gibt es kein Entkommen. Und ich kann mir ausmalen, wie es bei einem Unwetter, welches kurz vor unserer Anreise wütete, hier zugeht. Mächtige Wassermassen schiessen dann die Schluchten hinab und bringen Steine und Sand mit. Unlängst waren daher auch alle Wege gesperrt und es gilt vor jedem Aufbruch in die Caldera die Nationalparkseite im Netz bzgl. Wegsperrungen zu studieren. An jedem Eingang in den Park ist auch ein Informationszentrum, allerdings sprach die Dame bei uns nur Spanisch.

 

Ab dem Playa wird der Wanderweg einfacher und es warten auch nur noch 200Hm auf uns bis Los Brecitos. Fast schon ein Speedtrail, wären die Beine vom Vortag nicht so schwer....

 

Die Vulkanroute

Der letzte Tag für Simon. Welchen Abschnitt des GR131 sollen wir angehen? Die Vulkanroute oder die Cresteria? Unsere Entscheidung fällt auf die Ruta de los volcanes, die nur 800Hm bergauf, dafür 2200Hm bergab parat hält, wenn man von El Pilar aus startet. Dieser Wegabschnitt ist einzigartig schön, die trockene Landschaft mit ihren unterschiedlichen Farbtönen und Fabtupfern fasziniert. Kark, und doch abwechslungsreich. Dazu das Laufen grossteils auf grobkörnigem Untergrund, speziell und ungewohnt. Wir legen unzählige Fotosessions ein, kommen teilweise kaum vom Fleck, weil uns die bizarre Landschaft den Atem verschlägt. Staunen, Jubelrufe. Wir sind ganz aus dem Häuschen.

 

Dass ich auf dem letzten Teil der Etappe mal wieder in eine kleine Krise stürze, ist der Route nicht zuzuschreiben. Nein, diese verzaubert und begeistert. Und so motiviert mich letztendlich der Gedanke schon bald das Meer und das Rauschen der Brandung zu hören, weiterzumachen. Auch wenn die Blasen weh tun und das Gestell so langsam genug vom Laufen hat. Tja, und die Männer an meiner Seite tun auch nicht gerade zu meinem Wohlergehen beitragen, ihre Leistungsfähigkeit möchte ich mal haben. Leichtfüssig tappen sie noch immer vor mir her, spielerisch wie ein junger Hund....

 

Als wir den Leuchtturm sehen, den Faro de Fuencaliente, ist das Ende nahe. Dunkler Vulkansand bildet den Untergrund, die Landschaft schaut mondmässig aus und doch speziell schön. Kleine grüne Pflanzen stecken wie Salatköpfe in der steinigen Erde. Ein surreales Bild. Auf den letzten Metern schliesslich muss ich mich wirklich zusammenreissen. Mein schmerzverzerrtes Gesicht  verrät die Anstrengung. Nicht unbedingt die Herzkreislaufanstrengung, nein, es geht schon lange nur bergab. Mein Körper ist vielmehr die lange Laufbelastung, die wir dazu noch täglich haben, nicht gewohnt. Morgen brauche ich einen Tag Auszeit, das ist sicher.

 

Im Strandcafe beim Leuchtturm geniessen wir eine eisgekühlte Cola, wow, das rockt! Und einen Kuchen. Jawoll, die Lebensgeister kehren allmählich zurück. Die Rückfahrt mit dem Taxi geht schliesslich noch unkompliziert von Statten, schlägt aber mit 58€ zu Buche.

 

Ein Rasttag muss her

 

Auszeit ist angesagt. Wenn wir den GR131 auf La Palma noch beenden wollen, dann muss ein Tag Pause her. Wir nutzen die Fahrt zum Flughafen, um Simon abzuladen, und fahren hinauf zu den Naturschwimmbecken la Fayana im Norden der Insel. Dass wir ausgerechnet an diesem Tag Monsterwellen und eine stürmische See haben, stört uns im Endeffekt wenig. Baden ist verboten, eh klar wenn man die Dimensionen der Wellen sieht, aber einfach nur in der Sonne liegen, der launischen See zuschauen und staunen, das macht Freude. Dazu ein schmackhafter Snack und ein kühles Getränk, im Anschluss eine dieser köstlichen Bananen. La Palma besteht zum grössten Teil aus Bananenplantagen, ich hab selten so gute Bananen gegessen!

 

 

Und weil wir am ersten Tag keine Aussicht vom höchsten Punkt, dem Roque de los Muchachos hatten, kurvten wir zum Abschluss noch einmal die Bergstrasse hoch, diesmal bei wolkenlosem Himmel. Während der Autofahrt fragte ich mich, ob Rallyfahrer in La Palma geboren werden? Es gibt hier keine Autobahn, nur kurvige Land- und Bergstrassen. 

 

 

Die Inselrundfahrt besiegelten wir mit einem super Fischmenü am Playa von Puerto Tazacorte. Mit dem Sonnenuntergang im Gesicht lassen wir uns mit Gazpacho, frischem Fisch und gebackenen Bananen verwöhnen.  A propos Fisch, den bereiten sie hier auf La Palma echt vorzüglich zu, auch in Puerto Naos hatten wir Glück bei unserer Wahl des Restaurants, gediegenes Ambiente und leckere Gerichte, so lässt es sich vorzüglich dinieren. Ansonsten ist auch die palmerische Küche fleischlastig, gute Steaks gibts fast überall.

 

der alpine Abschnitt des GR131

 

Noch einmal packen wir es an, die Ruta de la Cresteria steht noch aus. Von El Pilar aus folgt der Trail zunächst durch dichten Wald neben einer unerquickenden Forststrasse. Zum Glück gibt es aber den Trail, auf dem man Meter macht und gut vorankommt. Ab dem Ende der Forststrasse beginnt das Herzstück des Weges, lichter, trockener Kiefernwald mit felsigen Passagen. Ein Gedicht für jeden Wanderer und Trailläufer. Dieser Abschnitt erinnert mich stark an den Beigua Naturpark bei Genua, diese trockene warme Luft, die immer nach Sauna riecht. Einfach herrlich. Irgendwann werden dann die Tiefblicke in die Caldera immer mehr und das Ausmass dieses enormen Kessels offensichtlich. Die brüchigen steilen Bergflanken sind in der Tat unpassierbar, so wie es von unten bereits den Anschein hatte. 

 

Irgendwann rückt die Kuppel, die in der Sonne glänzt, ein gutes Stück näher, doch der Roque de los Muchachos lässt auf sich warten. Ein Hügelchen hier, ein Hügelchen da und noch eine Ausbuchtung, ein Einschnitt der komplett ausgegangen werden muss. Diesmal hege ich keinen Anspruch, die komplette Route zu joggen. Ich wechsle bereits früh bei allen Anstiegen in den Gehmodus, was Kraft und Nerven spart. So habe ich am Schluss sogar noch etwas Energie um Harry anzufeuern, der in diesem Laufurlaub auch tatsächlich jeden Meter gelaufen ist.

 

Dass die Rückfahrt dann vom Roque de los Muchachos zurück nach El Pilar fast gleichlang dauerte, wie unser Trailrun, störte uns kaum noch. Wir haben den GR131 beendet, unser ganz persönliches Projekt gemeistert. Eine neue Gegend liebgewonnen, die uns nicht zum letzten Mal gesehen hat. Wir haben neue Erfahrungen gesammelt und gesehen, was der Kopf ausmacht. Aber über alle dem, über dem sportlichen Aspekt, steht die spassige, unterhaltsame Zeit, die wir Drei miteinander verbringen durften.

 

Die erste Urlaubswoche neigte sich dem Ende zu, die zweite Urlaubswoche auf Gran Canaria konnte nun folgen. Tapetenwechsel...Wer mehr übers Klettern und Traillaufen auf Gran Canaria erfahren möchte, dem sei mein Blogeintrag dazu empfohlen

Und sonst?

 

Während unseres Aufenthaltes auf der Insel gab es eine kleine Trailrunningveranstaltung, sonst trafen wir allerdings nur ganz vereinzelt auf diese wohl noch immer rare Spezies an Touristen. Trotz Transvulcania finden nur wenige Trailläufer den Weg dorthin, meistens trifft man eher auf Einheimische, die munter drauflos plappern und sich freuen, dass wir da sind.

 

Eine detaillierte Wanderkarte für La Palma hilft der Planung, unterwegs sind die Wege echt gut beschildert und markiert. Ein aufgemaltes Kreuz heisst immer: Sackgasse. Wenn du also dein Auge nach den Kreuzen ausrichtest, kann fast nix schiefgehen. Als Ausgangspunkt für die Trailläufe bietet sich eine Herberge in El Paso, Los Llanos, Tazacorte, Todoque, etc. an. Trotzdem ist ein Mietwagen unverzichtbar und die Taxinummer vom lokalen Anbieter solltest du auch immer eingespeichert haben, da die Busse nicht in der Taktung fahren, wie sie Trailläufer gebrauchen könnten.

 

So richtige Strände und Buchten gibt es nur wenige zum klassischen Baden und Strandliegen. Die Inselküste ist sehr felsig, teilweise auch steil abbrechend. Wobei die Jahreszeit und die Temperaturen auch nicht gerade zum Baden eingeladen haben, eine kurze Erfrischung im Hauspool war da schon ausreichend. Später im Jahr ist man allerdings sicherlich froh um eine Abkühlung im Meer.

 

Flüssigkeit. Nirgends gibt es Wasser zum Auffüllen der Softflasks. Ausser in der Caldera de Taburiente am Bach im Talgrund. Also darauf achten, dass ihr genügend Flüssigkeit dabei habt. Die Temperaturen können echt enorm schwanken (Nebel-Sonne, Meer-Berg), die Luft am Meer trocken, oben am Roque mega trocken. Und wenn dann noch ein Wind geht, steht der Dehydration nichts mehr im Wege.

 

 

 

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Patricia Neuhauser

Sportwissenschaftlerin, MSc

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