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Skitour Piz Bernina und Piz Palü Überschreitung

Piz Palü Überschreitung mit Abfahrt durchs "Loch" (Foura)

 

Dieser schneereiche Winter prädestiniert Skihochtouren über spaltige Gletscher. Somit fielen mir 2 Anstiege/Abfahrten ein, die in dieser Form wohl nur in solch einem genialen Winter problemlos zu machen sind: das "Loch" und der "Buuch". Mit Peter, Natalia und Harry im Boot und einer fantastischen Wettervorhersage sollte es also ins Berninagebiet gehen.

 

Vom Bernina Hospiz starteten wir am Morgen leicht abwärts fahrend und trettelnd im Wechsel zum Beginn des Anstieges durch das Val d'Arlas, welches bekannt als Freeride-Variante von der Diavolezza ist. Im oberen Teil brannte die Sonne bereits erbärmlich auf unsere Köpfe und wir waren froh nach kurzer Abfahrt von der Trovat-Scharte auf den kühleren Palü-Gletscher zu gelangen. Von der Scharte hat man diesen sagenhaften, ungehindert freien Blick auf den formschönen Piz Palü mit seinen 3 Pfeilern. Auch wenn der Palü nur 3900m zählt und sich nicht in die Reihe der 4000er eingliedern darf, seine Gestalt übertrumpft sowieso das gesamte Gebiet und zieht die Skihochtourengeher scharenweise an.

 

Wir reihen uns also in die fette Autobahn ein, Seilsicherung ist mit dieser massiven Schneeauflage auf dem Gletscher nicht nötig. Wir überholen, wir quatschen, wir grüssen und freuen uns mit den anderen 100 Tourengehern über diesen grandiosen Prachtstag. Kein Lüftchen geht, der Himmel wird von morgens bis abends ungetrübt und wolkenlos sein. Ein Bikini-Skitourentag, den es nur an ganz wenigen Tagen im Jahr gibt. Ab der Scharte müssen Steigeisen montiert werden, wir buckeln die Ski und setzen zu unserer Überschreitung an. Die Spur ist breit und ausgetreten, problemlos zu gehen. Auch das Passieren der anderen Tourengeher geht problemlos, entweder man wartet kurz aufeinander an geeigneter Stelle oder aber es gibt eh schon eine zweite Spur.

 

Vom Hauptgipfel führt eine kurze Abfahrt zu der Stelle, wo man mit 5m Abklettern die Felsbarriere, um in die Südwand zu gelangen, bestens überwinden kann. Ein paar steile Schwünge mit viel Sonne im Gesicht, dann lassen wir es laufen bis zur Bellavista Scharte. Ungefähr auf gleicher Höhe bleibend, vielleicht noch 10m ansteigend, traversiert man den steilen Hang, der bei Vereisung sicherlich heikel werden kann. Beim Blick zurück schaut man in die mit grossen Eisabbrüchen durchsetzte Nordwestwand des Spinas Gipfel des Piz Palü. Dann hält man sich anfangs noch rechts auf dem Rücken bis man eine erste Querspalte sieht. Wir sind rechts von dieser noch ein Stück weiter nach unten bis zur nächsten grossen Querspalte, unter der es dann nach links im Abfahrtssinne in den Trichter des "Loch" geht. Hochhäusergrosse Eisabbrüche umrahmen diesen Trichter, der in seiner Mitte mit Pulverschnee gut gefüllt ist und uns einen Abfahrtsspass ohnegleichen beschert. Die Einfahrt ist steil und wirklich imposant, weil man anfangs nicht sieht, wo man hinfährt, erst später sieht man den Durchschlupf und nach diesem weitet sich der Trichter und gibt einen breiten Traumpulverhang preis.

 

Doch damit noch nicht Schluss, wir folgen den Spuren weiter über den Gletscher, der momentan auf mehreren Korridoren zwischen den Spaltenbrüchen hindurch befahren werden kann. Ein Schwung im Pulver reiht sich an den nächsten, wir jubeln, kreischen, juchzen. Das gibts nur einmal! Pulver auf der gesamten Abfahrt, fluffig leicht, schöne 30cm. Einfach nur perfekt!

 

Zur Bovalhütte muss nochmals kurz angefellt werden, bevor wir uns im schönsten Sonnenlicht und vor dieser einzigartigen Gletscherkulisse auf den Bänken der Hüttenterrasse einfinden und den grandiosen Tag mit Suppe und einem Engadiner Plättli versüssen, ähhh, versalzen;-)

 

Piz Bernina

 

Meistens kommt es anders als man denkt...wir verschlafen. Um 6:12Uhr werde ich wach und wundere mich über die Helligkeit im Schlafraum der Bovalhütte. Wir hatten doch für halb sechs frühstücken ausgemacht?!? Anscheinend hatten wir 4 die letzten 2 ruhigen Stunden mit Tiefschlaf genutzt, nachdem die Schnarcher gegen 4Uhr unser Zimmer verlassen hatten. Es vergeht doch keine Hüttennacht ohne diese lästigen Genossen, die als erstes schlafen und tief und fest bis zum Weckerklingeln ihre Zimmergenossen mit ihrem Schnarchkonzert wach halten.

 

Ein Blick aus dem Fenster löst gleich den nächsten Schreck aus. Nebel, null Sicht. Was? Das war nicht gemeldet. Wir wollten heute doch durch den spaltenreichen "Buuch" auf den Piz Bernina steigen. Da kommt schlechte Sicht mehr als ungelegen. Am Frühstückstisch beobachten wir die Wetterlage durch das Fenster, kurze Lücken in der Nebeldecke schüren wieder Hoffnung, die Wolkendecke steigt und als wir die Tür nach draussen verlassen um die Ski zu richten, blitzen uns Morteratsch und Bernina leuchtend weiss entgegen mit blauem Himmel als Hintergrund. Jawoll, Schwein gehabt und es ist doch immer alles für etwas gut. Hätten wir heute nicht verschlafen, vermutlich wäre wir auf Verlegenheitsskitour gegangen und hätten uns ziemlich geärgert, wenn dann die Sonne herausgekommen wäre.

 

So traben wir über den flachen Gletscher und studieren den Anstieg durch das Spaltenlabyrinth. Mit etwas Glück finden wir eine Aufstiegsspur vom gestrigen Tage, leider hat der Wind am Morgen bereits kräftig gewerkelt und die alten Spuren des Öfteren verweht. Bis zum markanten Fels (P3086), wo die spaltenreiche Querung beginnt, geht es gut ohne Seil. Dieser Winter hat auch dem Engadin reichlich Schnee beschert und somit sind alle Gletscher sehr gut eingeschneit. Ab hier allerdings beginnt Anseilpflicht. Durch ein Wirrwarr von Spalten und Seracs erkennen wir die alte Spur und folgen ihr dankbar. Dass es zu Viert am Seil einige heikle Manöver gibt, lässt sich kaum vermeiden. Eine Stelle ist besonders ungut, eine frisch zugewehte Spalte mit Einbruchlöchern der Vorgänger, dazu im leichten bergab und mit eisiger Schneeauflage, wo die anderen stehen müssen. Würde die Schneebrücke einbrechen, würde ich vermutlich alle 3 mitziehen...Klar, mit Eisschraubensicherung liesse sich diese Passage entschärfen, aber wer hat schon die Muse und die Zeit im böigen Wind?

 

Danach läuft es wieder prima, einmal müssen wir nochmals kurz anseilen, danach kann jeder in seinem Tempo Richtung Südosthang hinauf zum Skidepot empor steigen. Natalia verlassen die Kräfte, sie wird auf uns im Winterraum der Marco e Rosa Hütte warten. Peter, Harry und ich versuchen unser Glück am Gipfelaufbau. Beim Skidepot windet es noch immer recht kräftig, immerhin scheint aber die Sonne ungehindert vom Himmel, wenn auch ab und an dünne Schleier über die Gipfel ziehen und die nächste starke Böe im Gepäck haben. Steigeisen montieren, Pickel raus, alles unnötige Gewicht bleibt beim Skidepot. Wir sind dankbar über die Spuren unserer Vorgänger von gestern und heute, so kommen wir flott vorwärts. Anstatt über den La Spedla Gipfel zu gehen, folgen wir einer Spur, die den steilen und exponierten Schneehang quert, um wieder steil in die Scharte zwischen den beiden Gipfel zu gelangen. Diese Passage ist nicht ganz ohne, ein Ausrutscher oder das Auslösen eines Schneebretts würde mit ziemlicher Sicherheit das Ende bedeuten. Also gut abwägen, ob der Anstieg über den La Spedla Gipfel nicht der Sicherere ist. Bei den starken Windböen sind wir allerdings froh nur das letzte Stück zum Bernina Gipfel über den ausgesetzten Firngrat bewältigen zu müssen. Tief gebückt und auf den nächsten Stuppser gefasst. 

 

Dass diese grossartige Skihochtour dann noch mit einer schönen Pulverabfahrt endet, damit hätten wir am Morgen sicherlich nicht gerechnet. Doch anstatt nach dem Buuch wieder anzufellen und die heikle Traversierung durch das Spaltenlabyrinth zu wiederholen, folgen wir Spuren direkt hinab über den Gletscher. Es ist wohl eine sehr untypische Abfahrt, die vermutlich nur in diesem Winter aufgrund des vielen Schnees funktioniert. Aber auch so sind wir von der Routenführung beeindruckt, wir müssen über kleine Seracs hinunterspringen, cruisen zwischen Eistürmen hindurch. Gewagt, aber beeindruckend schön. Die Eisformationen schillern im gleisenden Licht, der Pulver stiebt und geht nahtlos am Ende in Sulz auf den breiten, flachen Morteratschgletscher über.

Infos:

 

- günstig übernachten im Berninahospiz, wir bekamen sogar ein kostenloses Upgrade auf das 4er-Zimmer. Der junge Wirt ist sehr bemüht und zauberte uns sogar nach unserer 2-tägigen Tour am Nachmittag eine kleine Pastaparty, obwohl die Köche noch schliefen und das Restaurant geschlossen hatte. Ich glaube, er sah uns an, dass wir völlig entkräftet und am Verhungern waren, so stellte er sich in die Küche und kochte Penne al Forno, dazu gabs Butterbrot für den ersten Hunger und ein kühles Panache.

 

- Die Bovalhütte ist sehr rustikal klassisch, aber dadurch auch sehr authentisch. Der ziemliche Kontrast zum Berghotel Diavolezza. Das Hüttenwirtspaar war ebenfalls sehr bemüht und kochte vorzüglich und vor allem ausreichend. 

 

- Die Abfahrt durch das "Loch" ist sehr beeindruckend und sollte nur bei perfekten Verhältnissen gemacht werden. Die Einfahrt ist nicht einfach zu finden, also gut, wenn schon Spuren da sind. Sonst nur mit Gebietskenntnis. Der Anstieg übern "Buuch" geht vermutlich nicht jede Saison gleich gut. Bei Schneemangel wohl eine ziemliche Harakiri-Partie. 100%ige Sicht Voraussetzung.

 

- ein Zug fährt stündlich ab Morteratsch und bringt einen easy wieder zurück zum Bernina Hospiz. Aber Achtung, der Bahnhof Bernina Hospiz liegt gut 50Hm unterhalb des Hospiz, es gibt keinen geräumten Weg. Also nochmals Anfallen oder den tiefen Spuren im Sulz folgen...

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