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Winterbergsteigen an der Rigi

mit Tim Grotjahn

Ich warte auf den Moment, schon lange warte ich auf diesen einen Moment. Doch auch heute will er nicht eintreffen. Zu lange war es warm, zu trocken der Frühwinter. In meinen Träumen ist die komplette Rigi Nordseite mit einer schönen Eisglasur überzogen, die Bänder mit dick Schnee gefüllt, über die Konglomeratfelsen hängen Eiszapfen hinunter und eine einzigartige Eiskletterlinie hat sich über Nacht gebildet. Kompakteis wechselt mit Gehpassagen und kurzen Mixedpassagen, die Eisgeräte fressen sich in das mit Anraum überzogene Gras, bizarre Strukturen, vom Wind geformt, begleiten den Anstieg. Doch mein Traum bleibt für heute Traum, die Vision "der Direkten" Rigi Nord bleibt einmal mehr verborgen in meinen Gehirngespinsten.

 

Von der Seebodenalp studieren wir die schattige Nordseite der Rigi, am Sendemast bläst mal wieder der Wind, typisch für die Rigi. Mit Eisgeräten und Steigeisen bepackt marschieren wir los in Richtung Arschbagge. Schon bald sehen wir Trittspuren im Schnee, dieser Anstieg findet so manchen Liebhaber, nicht nur im Sommer. Von überlaufen ist trotzdem nicht die Rede, doch wird man selten als Erster die Spur legen. Je nach Schneehöhe sind dabei gute Ortskenntnisse vom Sommer her nötig, bei uns heute ein Kinderspiel. Im maximal knöcheltiefen Schnee ist der Untergrund ganz gut auszumachen.

 

Die erste Schlüsselpassage, die für die Arschbagge bekannte, steile Konglomeratstufe mit der Kette darin, weist kleine Vereisungen auf. Da wandern die Steigeisen zum ersten Mal an die Füsse, der Pickel kann noch getrost am Rucksack bleiben, lieber haben wir zwei Hände frei zum kräftigen Anpacken am Kabel, das mit den Handschuhen doch recht rutschig ist. Je höher wir steigen, desto winterlicher und schottisch-anmutender werden die Verhältnisse. Eine kühle Bise, mindestens 5cm langer Anraum überzieht Büsche und Latschen. Zeit, die Eisgeräte auszupacken und einige Meter rechts und links der Arschbaggen-Normalroute wild die Pickel zu schwingen. Es finden sich nämlich immer wieder schöne Stufen, die mit wenig Wassereis zum Eisklettern auffordern. Je nach Lust und Laune, Niveau und Wagemut, wird fast jeder fündig. Hier der 3 Meter Aufschwung mit brettelebenem Absprungbereich, dort die Konglomeratstufe, die mit einem Grasausstieg wartet. Da vorne lugt bereits ein kurzer, flacher Eisschlauch hervor, hier drüben schreit der vereiste Botanik-Grand-Prix. 

 

Eine grosse Spielwiese für Tage mit schlechtem Wetter, für Tage, an denen man keine Lust hat weit zu fahren, an Tagen, wo man nur den halben Tag Zeit hat oder einfach für Liebhaber von Hausbergen und ihren vielfältigen Möglichkeiten. Es gibt immer etwas zu entdecken, manchmal braucht es etwas mehr Kreativität und Einfallsreichtum, aber wer offen für Neues bleibt, seine Augen und Ohren spitzt, der wird immer seinen Spielplatz finden.

 

Am Ende erblicken wir endlich das Licht, wie es sich für eine richtige Nordwand gehört, tauchen wir erst mit Erreichen des Gipfels in die Welt fernab von Schnee und Eis, ein. Die Zivilisation hat uns wieder, nur einen Schritt über die Absperrung, das Geländer, entfernt. Ein einziger Schritt, der so illustre die Grenze markiert. Zwei asiatische Damen schlittern vergnügt und beängstigt gleichermassen über den vereisten Wanderweg hinauf. Ein interessierter Deutscher beglückwünscht unsere Begehung. Stadtmantel trifft Goretex oder so ähnlich könnte die Überschrift lauten. Bei einer heissen Ovo im Kulm-Restaurant lassen wir die Füsse auftauen und uns die Sonne auf die Brust scheinen. Ein herrlicher Tag. Abenteuer vor der Haustüre....

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